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KV Nordrhein fordert Konzentration auf das Wesentliche – und einen Schutzschirm für die Praxen

17.03.2020 Pressemitteilungen

Die aktuelle Situation führt die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Nordrhein und ihr Personal an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Die Zahl der in NRW bestätigten SARS-CoV-2-Infektionsfälle steigt täglich drastisch an. Stand heute, 17. März, gibt es NRW-weit rund 3060 Infizierte. Tatsächlich dürfte die Zahl infizierter Bürger im Land noch viel höher liegen, da die Testergebnisse zeitlich hinterherhinken – de facto muss also mit einer hohen Dunkelziffer an Infizierten gerechnet werden.

„Wir haben es inzwischen mit einem exponentiellen Wachstum der Fallzahlen zu tun. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass mehr als 90 Prozent aller Patienten ambulant durch das vertragsärztliche System versorgt werden, ist dringend und kurzfristig ein Umdenken in der ambulanten Versorgung erforderlich“, sagt Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein. Auch Praxen, vor allem in besonders betroffenen Regionen, seien zunehmend von behördlich angeordneten Quarantäne-Maßnahmen betroffen – und geraten zunehmend in eine finanzielle Schieflage. „In den Praxen unserer Mitglieder herrscht Ausnahmezustand, wie wir auch an der Zahl der Fragen und Mitteilungen sehen – allein gestern haben uns über 4000 Anrufe erreicht, das ist mehr als ein Viertel unserer Praxen.“ 

Praxen benötigen dringend Schutzmaterial

„Das derzeit größte Problem unserer Mitglieder ist die unzureichende Ausstattung beziehungsweise das Fehlen von Schutzausrüstung für den Umgang mit Corona-Verdachtsfällen“, sagt Dr. med. Carsten König, stellvertretender Vorsitzender der KV Nordrhein. Die KV hat zuletzt mit erheblichem Aufwand und aus eigenen Mitteln Bestände aufgebaut und damit zumindest die 77 ambulanten Notdienstpraxen im Rheinland sowie die Praxen in besonders betroffenen Regionen (Kreis Heinsberg, Städteregion Aachen) ausstatten können. „Wir warten nach wie vor auf die von der Politik angekündigte, dringend benötigte Schutzausrüstung und sind auf eine Verteilung gut vorbereitet, sobald wir das Material erhalten“, so König.

Alle derzeit verhängten drastischen Maßnahmen wie die Einschränkung des öffentlichen Lebens, das Verzichten auf soziale Kontakte und der Aufenthalt in häuslicher Umgebung dienen allein dem Ziel, die Verbreitung des Coronavirus soweit wie möglich aufzuhalten beziehungsweise zu verzögern – Hintergrund ist die nur begrenzte Verfügbarkeit von Intensivbetten beziehungsweise Beatmungsplätzen für diejenigen, die von der Infektion in schwerer Weise betroffen sind. Der öffentliche Appell an die Bevölkerung, möglichst zu Hause zu bleiben, hat zwangsläufig Auswirkungen auf die Praxen und die medizinische Versorgung. „Wir müssen auch die Zahl der nicht dringend erforderlichen Arztbesuche reduzieren, um das Infektionsrisiko für Patienten und das Praxispersonal so klein wie möglich und die Versorgung von schwer und chronisch kranken Patienten aufrechtzuerhalten“, sagt Bergmann.

Versorgung neu strukturieren

Die KV Nordrhein empfiehlt ihren Mitgliedern, Patienten dementsprechend zu informieren. „Viele Interventionen sind auch auf telemedizinischem Wege und nicht zuletzt telefonisch möglich. Rezepte und Überweisungen können postalisch zugestellt werden. Das vereinfachte Ausstellen von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ohne Anwesenheit des Patienten in der Praxis ist bereits umgesetzt“, betont Bergmann. Es sei daher richtig, Corona-Verdachtsfälle weiterhin in Abstrich- beziehungsweise Diagnosezentren zu konzentrieren. „Wir brauchen Versorgungsschwerpunkte, Diagnosezentren sind ein erster Schritt. Sie müssen weiterhin allen Patienten mit entsprechenden Symptomen und Risikofaktoren auf ärztliche Veranlassung hin zugänglich bleiben – sonst wenden sich die Patienten für die Testung wieder direkt an die Praxen.“

Es muss zudem mit einer höheren Inanspruchnahme der Praxen aufgrund der veränderten Patientensteuerung in den Kliniken  gerechnet werden, beispielsweise im Bereich akut zu versorgender kardiologischer Patienten, die normalerweise primär stationär behandelt werden. „Eine ähnliche Situation erwarten wir in den Praxen der Lungenfachärzte“, so der KVNO-Chef.

Finanzielle Hilfen notwendig

Man dürfe auch die reguläre Versorgung, unabhängig von der Corona-Pandemie, nicht aus dem Blick verlieren. Das gelte für den ambulanten ebenso wie für den stationären Bereich. Auch Krankenhäuser seien angehalten, die Regelversorgung einzuschränken und beispielsweise elektive Eingriffe aufzuschieben. „Dass die Politik den Krankenhäusern dafür flankierende finanzielle Maßnahmen zusagt, um ihnen ein wirtschaftliches Überleben in diesen Krisenzeiten zu ermöglichen, ist richtig. Das muss dann aber ebenso für den ambulanten Sektor gelten“, fordert Bergmann.

Die Umstrukturierung der Versorgung gehe zwangsläufig mit erheblichen Veränderungen in den Abläufen in den Praxen einher – und teilweise mit einer stark sinkenden Zahl von Patienten: „Es ist richtig, dass wir möglichst viele Patienten aus den Praxen raushalten.“ Veränderte Versorgungsstrukturen und sinkende durchschnittliche Fallzahlen führten jedoch im System der ambulanten vertragsärztlichen Vergütung zwangsläufig zu erheblichen Wirtschaftseinbußen, die kompensiert werden müssten.

Nur dann hätten die kassenärztlichen Vereinigungen  den erforderlichen Spielraum, aktuell erforderliche Versorgungsschwerpunkte zu etablieren und die Versorgung nach den jeweils aktuellen Erfordernissen zu steuern. Bergmann: „Wir brauchen kurzfristig einen finanziellen Schutzschirm für die Praxen.“