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Resistente Bakterien – neue Antibiotika: Im Wettlauf

20.03.2020 KVNO aktuell, Verordnungsinfos

Immer mehr Bakterienstämme sind resistent gegen die verfügbaren Antibiotika. Neue werden dringend gebraucht. Pharma- und Biotech-Unternehmen arbeiten daran, bringen seit einigen Jahren auch wieder mehr auf den Markt. Reicht das – oder drohen wir den Wettlauf gegen die Resistenzen zu verlieren?

Antibiotika zählen zu den größten Errungenschaften der Medizin. Lungenentzündung, Wundinfektionen, Scharlach und viele weitere Krankheiten haben durch sie ihren Schrecken verloren. Unter den Todesursachen rangieren bakterielle Infektionen in Deutschland heute weit hinter den Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs.

Doch das könnte sich ändern: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sterben in Europa jährlich etwa 25.000 Menschen an Infektionen durch Bakterien, die sich nicht mehr mit den auf dem Markt befindlichen Antibiotika behandeln lassen. Tendenz steigend. Droht eine postantibiotische Ära?

Flemings Furcht

Dieses Szenario sah schon Alexander Fleming, der Entdecker des ersten Antibiotikums, des Penicillins. Als er 1945 den Medizin-Nobelpreis erhielt, warnte der Schotte vor den Folgen eines unkontrollierten Gebrauchs: „Es besteht die Gefahr, dass die Mikroben lernen, resistent gegen Penicillin zu werden. Und wenn die Mikrobe einmal resistent ist, bleibt sie auch für lange Zeit resistent.“

Die Grafik zeigt die Einführung neuer Antibiotika in Deutschland (vfa).
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Einführung neuer Antibiotika in Deutschland (vfa)

Mehr als 80 gegen unterschiedliche Bakterienarten wirksame Antibiotika wurden bislang entwickelt. Sie gehören verschiedenen Klassen an, die sich jeweils durch eine andere Molekülgrundstruktur und Wirkungsweise auszeichnen. Die meisten Markteinführungen gab es zwischen 1980 und 2000: Da wurden vor allem die Klassen der Makrolide, Cephalosporine und Fluorchinolone erweitert. Durch Änderungen in der Molekülstruktur ließen sich die Wirkstoffe beispielsweise so verbessern, dass sie gegen noch mehr Bakterienarten wirksam waren oder die befallenen Gewebe noch besser erreichten.

Nach den 1990er-Jahren änderte sich das Anforderungsprofil für neue Antibiotika radikal: Die Zahl der resistenten Keime wuchs. Gebraucht wurden daher neue Antibiotika, die gegen diese resistenten Keime wirksam sind. „Die meisten der seither neu eingeführten Antibiotika leisten genau das“, sagt Dr. Siegfried Throm, Geschäftsführer Forschung des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa). „Aber grundsätzlich neue Ansätze gab es zuletzt kaum.“

Trotz der Neueinführungen – das Problem der Resistenzen bleibt. Berühmt-berüchtigt sind zum Beispiel die MRSA-Keime oder multiresistente Gram-negative Bakterien. „Zwei neue resistenzbrechende Antibiotika pro Jahr wären nötig“, so Throm.

Was steckt in der Pipeline?

An neuen Wirkstoffen wird weltweit geforscht. Die „frühe Pipeline“ ist nach Worten des für Forschung, Entwicklung und Innovation zuständigen vfa-Geschäftsführers „ganz ordentlich“ gefüllt. Doch wie viele von diesen noch nicht an Menschen erprobten Medikamenten schließlich auf den Markt kommen werden, weiß niemand.

Das Foto zeigt einen Mann hinter Röhrchen.

Entwicklung, Produktion und Markteinführung neuer Antibiotika sind teuer – die Umsätze relativ gering.

Die klinische Erprobung und Zulassung von Medikamenten ist teuer. Firmen wie Melinta und Achaogen aus den USA hat die Entwicklung neuer Antibiotika 2019 sogar in die Insolvenz getrieben. Die klinische Erprobung, die Zulassung sowie der Vertrieb sind kostspielig, besonders für kleinere Unternehmen kaum zu stemmen.

Und die großen reißen sich auch nicht gerade um den wenig lukrativen Markt. Die Reserve-Antibiotika landeten oft im „Panzerschrank“, berichtet Throm, würden also nur im Notfall an wenige Patienten abgegeben. Umsatz sei so kaum zu machen. Die Aussichten auf neue Antibiotika sind deswegen vergleichsweise trübe. Während derzeit weltweit über 1000 neue Wirkstoffe gegen Krebs erprobt werden, sind es bei den Antibiotika nur etwa 40 bis 60.

Um die Entwicklung neuer Antibiotika anzukurbeln, seien auch finanzielle Anreize nötig: „Das könnten Prämien für neu entwickelte Wirkstoffe gegen resistente Keime sein oder garantierte Mindestumsätze“, sagt Throm. Immerhin: Für die nahe Zukunft rechnet er mit einigen weiteren Mitteln, darunter auch solchen, die gegen mehrere problematische Erreger wirken. Aber das dürfte im Wettlauf mit den zunehmenden Resistenzen kaum reichen.

Frank Naundorf

Tests zur gezielten Verordnung

Seit Juli 2018 können Praxen Schnelltests abrechnen, um Antibiotika gezielt einzusetzen. Mit Untersuchungen wie dem Bluttest auf den Entzündungsmarker Procalcitonin (PCT) lässt sich feststellen, ob es sich um eine bakterielle oder eine virale Infektion handelt. Der PCT-Test (GOP 32459) und zwei phänotypische Bestätigungstests (GOP 32774 und 32775) werden derzeit extrabudgetär vergütet. Damit soll die deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie unterstützt werden. Der in der Praxis durchzuführende CRP-Schnelltest wird mit der GOP 32128 abgerechnet.

Die Tests können zusätzlich mit der Ausnahmeziffer 32004 gekennzeichnet werden und werden nicht auf die Laborkosten angerechnet. So bleibt der Wirtschaftlichkeitsbonus erhalten.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung weist darauf hin, dass es keine Verpflichtung gibt, vor jeder Antibiotikaverordnung eine Labordiagnostik durchzuführen. Es soll nur im Zweifelsfall, wenn medizinisch indiziert, getestet werden.