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Rationale Antibiotikaversorgung in NRW: Die Macht des Mikrobioms

20.03.2020 KVNO aktuell, Verordnungsinfos

Der Kampf gegen Resistenzen ist eine große Herausforderung, betonte Dr. med. Carsten König. Der stellvertretende Vorsitzende der KV Nordrhein moderierte die Veranstaltung „Aktuelles zum Umgang mit Antibiotika im Praxisalltag“ im Haus der Ärzteschaft, die das Institut für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein (IQN) im Rahmen der Antibiotika-Aktionswoche organisiert hatte.

Die Ärztinnen und Ärzte in den Praxen haben laut König die Herausforderung erkannt – und sie handeln entsprechend: „Die Zahl der Antibiotika-Verschreibungen ist um bis zu 20 Prozent bei Erwachsenen und sogar bis zu 40 Prozent bei Kindern gesunken.“

Einfluss sogar auf die Psyche

Die Verschreibungen weiter zu senken sei auch wichtig, um das Mikrobiom zu schützen, also die rund 39 Billionen Bakterien, Pilzen, Viren und Einzeller, die auf bzw. in einem Menschen zu finden sind. Darauf wies Prof. André Gessner, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Regensburg hin. Allein im Darm erreiche das Mikrobiom eine Masse von 1,5 kg.

Das Mikrobiom hat Einfluss auf verschiedene

Systeme im Körper; es beeinflusst kardiovaskuläre und onkologische, ja sogar psychiatrische und neurologische Erkrankungen. Anti­biotika können das Mikrobiom zeitweise verändern, sodass das Risiko für Erkrankungen steigen könnte. „Besonderen Risiken sind Kleinkinder ausgesetzt, die mit Breitbandantibiotika behandelt werden“, sagte Gessner. Doch nicht nur die Ärzte seien beim rationalen Einsatz gefordert.

Das Foto zeigt mehrere Menschen auf einem Gruppenbild.

Antibiotika-Expertinnen und -Experten im Haus der Ärzteschaft (v. li.): Prof. André Gessner, Dr. Norma Jung, Dr. Holger Neye, Dr. Eva-Maria Moench, Dr. Andre Schumacher, Dr. Annegret Quade, Dr. Christian Flügel-Bleienheuft, Dr. Martina Levartz, Dr. Martin Klutmann und Dr. Carsten König.

Auch der exzessive Einsatz von Antibiotika in der Tiermast „züchte“ Resistenzen. Hühner erhalten in ihrem kurzen Leben von 35 Tagen im Schnitt 2,3 Mal Antibiotika. Das bleibt nicht ohne Folgen: Ein Drittel des Supermarkt-Hähnchenfleischs wies in Tests multiresistente Keime auf.

Regionale Resistenzlage

Wirkt Penicillin in NRW noch gegen Pneumokokken? Wie entwickelt sich hier die Resistenzlage im ambulanten Bereich? Antworten auf diese Fragen liefert die interaktive ARS-Datenbank (ARS = Antibiotika-Resistenz-Surveillance), die online abrufbar ist und auf Daten von 400 Klinken und aus 13.000 Praxen zurückgreift.

Die Erregernachweise senden Labore an das Robert Koch-Institut, das die Datenbank koordiniert. Eines der teilnehmenden Labore ist das Medizinische Versorgungszentrum Quade und Kollegen. Dr. med. Annegret Quade und Dr. med. Eva-Maria Moenchs stellten das Projekt vor, das Daten von über 1200 verschiedenen Erregern umfasst.

Frank Naundorf