Logo der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein

Navigation

Gesetz auf dem Weg: Lösung für Lieferengpässe?

20.03.2020 KVNO aktuell, Verordnungsinfos

Patienten, Praxen und Apotheken leiden immer stärker unter Lieferengpässen bei Arzneimitteln. Zum Teil sind Präparate bestimmter Hersteller oder Wirkstärken nicht lieferbar, vermehrt wird aber auch berichtet, dass Wirkstoffe komplett fehlen und Patienten auf andere Therapien umgestellt werden müssen.

Das Problem hat mehrere Ursachen. Bei einzelnen Präparaten führt eine vermehrte Nachfrage beispielsweise im Rahmen der Rabattverträge zu Engpässen. Die lassen sich durch den Wechsel auf andere Anbieter ausgleichen. Wenn Wirkstoffe jedoch komplett nicht lieferbar sind, liegt dies oft an der Herstellung in nur einer Produktionsstätte. Ein Beispiel ist Valsartan, bei dem Verunreinigungen in einer chinesischen Fabrik zu Produktionsausfällen geführt haben.

Die pharmazeutischen Hersteller geben Lieferengpässe derzeit freiwillig an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) durch. Das BfArM veröffentlicht eine Übersicht in seinem Internet-Auftritt. Die Zahlen steigen rasant: 2013 zählte das BfArM gerade einmal 42 nicht lieferbare Arzneien, 2018 waren es 268. Anfang März 2020 waren dort bereits 279 Meldungen hinterlegt – und das Jahr ist noch lang.…

Proteste auch aus Ärzte- und Apothekerschaft haben den Gesetzgeber aufhorchen lassen. Im Rahmen des Fairer-Kassenwettbewerbs-Gesetz will die Regierung auch das Problem der Lieferengpässe angehen, der Bundestag hat das Gesetz Mitte Februar verabschiedet. Die wichtigsten Regelungen:

  • Apotheken dürfen ein teureres Medikament abgeben, wenn ein Medikament aus einem Rabattvertrag nicht lieferbar ist – ohne mit der Praxis Rücksprache zu halten. Mögliche Mehrkosten der Patienten sollen die Krankenkassen tragen.
  • Hersteller und Großhändler werden verpflichtet, dem BfArM Informationen zu Beständen, Absatzmengen und drohenden Engpässen von versorgungsrelevanten Arzneien zu liefern.
  • Im Ausnahmefall sollen auch Arzneimittel angewendet werden dürfen, die in einer anderen Sprache gekennzeichnet sind, also aus einem anderen Land importiert wurden. Dies bleibt auf versorgungsrelevante Mittel beschränkt, die der Arzt dem Patienten verabreicht.
  • Im BfArM soll eine Expertenrunde die Versorgungslage beobachten und bewerten. Daran sind auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung und Vertreter ärztlicher Fachgesellschaften beteiligt.
  • Bei drohenden oder bestehenden Engpässen können Bundesbehörden Lagerhaltung und Kontingentierung anordnen.

Ob dies reicht? Eine Ursache der zunehmenden Lieferschwierigkeiten ist die Konzentration auf wenige Produktionsstandorte. Fällt der Hersteller eines Wirkstoffs aus, drohen globale Engpässe. Noch größer wird das Risiko, wenn wie im Zusammenhang mit der Coronavirus-Epidemie in China gleich mehrere Produktionen auszufallen drohen. Die KBV und die Bundesärztekammer haben deswegen gefordert, dass die Europäische Union aktiv wird, um Arzneimittel vermehrt wieder in Europa und von mehreren Herstellern produzieren zu lassen.

Frank Naundorf

 

„Krankheitsbilder können sich verschlechtern“

Lieferengpässe betreffen alle – besonders viele Rückmeldungen hat die KV Nordrhein von Neurologen und Psychiatern erhalten. Grund für KVNO aktuell, einmal genauer nachzufragen, und zwar bei Dr. med. Susanne Merguet, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie aus Essen.

Welche Medikamente fehlen vor allem?

In der Vergangenheit hatten wir die meisten Rückmeldungen über fehlende Lieferbarkeit in Bezug auf Antiepileptika, weil wir hier in der Regel ein Aut-idem-Kreuz setzen. Das betraf vor allem Valproat, Levetiracetam und Carbamazepin. Bei den psychiatrischen Medikamenten waren vor allem Venlafaxin und Fluvoxamin oft nicht lieferbar.

Was bedeutet das für Ihre Praxis?

Zum einen mehr Verwaltungsaufwand, wenn Rezepte neu ausgestellt werden müssen, Telefonate mit Patienten und Apotheken anfallen, aber auch vermehrt Gesprächs- und Aufklärungsbedarf bei den Patienten. Es kommt auch zu Verschlechterungen des Krankheitsbildes bei primär gut eingestellten Patienten, weil etwa Ängste oder Zwänge zurückkehren. Ich habe auch einen Epilepsiepatienten, der wieder stark vermehrt Anfälle nach Austausch der Medikation hat. Das ärgert mich.

Das Foto zeigt Dr. Susanne Merguet.

Dr. Susanne Merguet, Ärztin für Neurologie und Psychiatrie, Obfrau der Essener Nervenärzte

Wie gehen Sie mit der Situation um?

Wir teilen den Patienten oft schon bei der Rezeptübergabe mit, dass es sein kann, dass sie ein anderes als das aufgeschriebene Präparat erhalten werden, und sagen ihnen, auf was geachtet werden muss, zum Beispiel auf Retardpräparationen. Wir dokumentieren zudem die rückläufigen Rezepte, die wir ausgetauscht haben. In einigen Fällen mussten wir Wirkstoffe wechseln, weil diese in keiner Form mehr erhältlich waren, beispielsweise Fluvoxamin bei Zwangsstörungen – übrigens nicht erfolgreich.

Was müsste gegen Lieferengpässe passieren?

In Fachkreisen wird das Problem so kommuniziert, dass alle Wirkstoffe „nur noch aus China kommen“ und nicht mehr in ausreichender Menge geliefert werden können. Wenn ein Monopol das Problem ist, muss es gebrochen werden. Ich kenne auch die Angst vieler Kolle­ginnen und Kollegen, dass wir wegen des Ausweichens auf andere Medikamente einem höheren Regressrisiko ausgesetzt sein könnten. Dass wir für die finanziellen Auswirkungen der Engpässe am Ende haften, muss in jedem Fall vermieden werden.

Die Fragen stellte Frank Naundorf