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Telemedizin in der Praxis: Innovationen vom Westrand

03.02.2020 KVNO aktuell

Michaela Funken hat im Juli 2019 den Sprung gewagt und eine eigene Praxis eröffnet. Die Ärztin für Allgemeinmedizin hat sich im Selfkant niedergelassen, der westlichsten Gemeinde Deutschlands, rund 42 km² groß, geografisch fast schon eine Enklave der Niederlande. Der Selfkant besteht aus gut einem Dutzend Dörfern mit zusammen etwa 10.000 Menschen. Michaela Funken berichtet, wie sie die Versorgung modernisieren will.

Die Westzipfelregion grenzt unmittelbar an die Niederlande und ist sehr beliebt bei jungen Familien und Grenzgängern. Leider drohen im Selfkant, wie in vielen ländlichen Regionen, Lücken in der ärztlichen Versorgung. Ich habe daher vor wenigen Monaten kurz hinter der Grenze eine neue Hausarztpraxis eröffnet, was von den Menschen hier sehr positiv aufgefasst wurde.

Das Foto zeigt das Praxisteam um Michaela Funnken.

Das Praxisteam (v. l.) Leonie Philippen, Jessica Horsten, Laura Heinen, Nadine von Cleef, Birgt Herfs und Michaela Funken

Mobilität und Erreichbarkeit sind bei uns große Herausforderungen. Zudem empfand ich die Betreuung der Patienten im häuslichen Umfeld als nicht ausreichend. Daher habe ich mich sehr über den Trend zur Telemedizin gefreut. Sie stellt eine wahre Bereicherung für meinen Praxisalltag dar.

Auch meine hochmotivierten Medizinischen Fachangestellten freuen sich auf viele neue Aufgaben und Herausforderungen. Zwei von ihnen haben sofort starkes Interesse an der Weiterbildung zur nichtärztlichen Praxisassistentin (NäPa) gezeigt. Die erste wird in Kürze die Qualifikation erlangen und mich bei der täglichen Arbeit sehr unterstützen und entlasten können. Wir verfügen über eine telemedizinische Ausstattung mit 12-Kanal-EKG und Spirometrie sowie eine Videosprechstunde.

Der Einsatz des telemedizinischen Equipments verbessert nachhaltig die Versorgung der Patientinnen und Patienten – und sie spart Ressourcen. So können wir durch telemedizinisch gestützte Triagierung unnötige Krankenhauseinweisungen vermeiden.

Beispiel 1: Eine meiner Patientinnen, 84 Jahre alt, lebt im Pflegeheim. Sie wacht morgens mit thorakalem Druck und Atembeschwerden auf. Bislang beschränkte sich eine übliche hausärztliche Behandlung auf eine zeitnahe körperliche Untersuchung und meist eine Einweisung ins Krankenhaus zum Ausschluss eines Herzinfarktes.

Das Foto zeigt drei Frauen, die um ein Auto stehen.

Michaela Funken, NäPa Leonie Philippen und NäPa Nadine von Cleef mit Telemedizinrucksäcken und dem neuen „Praxismobil“ vor der Praxis in der Ortschaft Schalbruch.

Dank der Telemedizin kann meine NäPa nun unmittelbar nach Information durch das Pflegeheim die Patientin aufsuchen, ein EKG schreiben, die Vitalparameter kontrollieren und, wenn nötig, einen Troponin-Schnelltest durchführen. Zeitgleich stehe ich mit der Patientin via Video in Verbindung und kann besser abschätzen, ob eine weitere Abklärung im Krankenhaus nötig ist. Dies ist nicht nur für mich eine deutliche Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten, sondern auch ein spürbarer Vorteil für die Patientin, der eine eventuell unnötige Krankenhausbehandlung inklusive Krankentransport erspart bleibt.

Als hausärztliche Internistin plane ich zudem die Anschaffung eines mobilen Sonografie-Gerätes. Dies ermöglicht es mir, bei akuten Beschwerden künftig eine schnelle und genauere Diagnose zu stellen.

Beispiel 2: Ein rollstuhlmobiler Altenheimbewohner, 87 Jahre alt, klagt über Oberbauchschmerzen und Erbrechen nach dem Essen. Bislang wurde er bei nicht eindeutigem körperlichem Befund zur weiteren Diagnostik ins Krankenhaus eingewiesen.

In Zukunft kann meine NäPa zeitnah ein EKG schreiben, Vitalparameter kontrollieren und nach Rücksprache mit mir via Video eine symptomatische Therapie durchführen, zum Beispiel eine Infusion. Durch die ergänzende Oberbauchsonografie kann ich eine sichere Diagnose stellen und dadurch eine Einweisung eventuell vermeiden.

Das Foto zeigt Michaela Funken.

 

»Die Telemedizin kann die Versorgung verbessern. Und sie macht meine Arbeit als Internistin und Hausärztin deutlich attraktiver. «

Michaela Funken

Aus meiner Sicht kann die Telemedizin die Versorgung der Patienten verbessern, Behandlungskosten reduzieren und die Arbeitszufriedenheit von uns Ärztinnen und Ärzten steigern. Die Förderung dieser Maßnahmen begrüße ich daher sehr. Auch die Videosprechstunde ist ein attraktives Angebot – besonders für berufstätige Patienten, die täglich pendeln müssen und für die ein Arztbesuch zu den „normalen“ Öffnungszeiten einer Praxis nicht möglich ist. Im Zeitalter von Google, WhatsApp und Facebook war dieser Schritt überfällig. Ich freue mich über diese Bereicherung meines Berufsalltages und die engere Zusammenarbeit und Unterstützung durch meine Medizinischen Fachangestellten.

Michaela Funken