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Ab 1. April 2020 in Kraft: Der neue EBM

30.03.2020 Honorar, KVNO aktuell

Diese Reform des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs (EBM) wird unterm Strich keinen Euro mehr für die Praxen in Deutschlang bringen: 2012 hatten der GKV-Spitzenverband und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) vereinbart, dass die Überarbeitung ausgabenneutral stattfinden sollte. Mit dieser Vorgabe waren keine großen Schritte möglich, die KBV spricht deswegen von einer „kleinen“ EBM-Reform. Neben einigen strukturellen Änderungen wurde die Bewertung aller Leistungen überprüft und an die aktuelle Kostenstruktur angepasst. Ein Ziel ist es, die sprechende Medizin zu fördern.

Der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Andreas Gassen, hatte angesichts feh­lender finanzieller Luft nach oben auch kein Interesse an großen Veränderungen. „Wir haben uns bei der Weiterentwicklung des EBM auf das Nötigste beschränkt. Keiner muss sich auf einen komplett neuen EBM einstellen wie bei der großen Reform vor 15 Jahren.“ Dennoch dürften die beschlossenen Änderungen sich in einigen Praxen finanziell bemerkbar machen.

Das Foto zeigt ein Tablet auf einem Haufen Papier.
Mehr Honorar für sprechende Medizin

Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) hatte der Gesetzgeber für die EBM-Reform zusätzlich vorgegeben, dass technische Leistungen überprüft und die sprechende Medizin gefördert werden sollen. Dadurch kommt es zu Absenkungen der Leistungsbewertungen bei den technischen Fächern. Besonders betroffen sind nach Angaben der KBV Radiologie, Strahlentherapie, Nuklearmedizin sowie fachärztliche Internisten.

Hausärzte, grundversorgende Fachärzte und die Fachgruppen der Psychotherapie, Psychosomatik, Psychiatrie, Neurologie und Nervenheilkunde sollen dagegen mehr Honorar für ihre Gesprächsleistungen erhalten. Auch die Gesprächsanteile in den fachärztlichen Leistungen werden aufgewertet.

Leistungen neu kalkuliert

Im Fokus der Reform stand, die EBM-Bewertung der ärztlichen und psychotherapeutischen Leistungen an die aktuelle Kostenstruktur der einzelnen Arztgruppen anzupassen. Der kalkulatorische Arztlohn wurde von 105.000 auf 117.060 Euro angehoben.

Auch die Zeiten, die Ärzte im Schnitt für eine Behandlung oder Untersuchung benötigen und die ebenfalls in die Leistungsbewertung einfließen, wurden überprüft und angepasst. Gleiches gilt für die Kosten. „Dies war dringend nötig, da sich die Kosten, aber auch die Zeiten in den vergangenen Jahren teilweise erheblich verändert haben“, erläutert Gassen.

Die abgerechneten Zeiten lagen deutlich über den tatsächlichen Arbeitszeiten. So seien Ärzte immer wieder unverschuldet in eine Plausibilitätsprüfung geraten, weil die Zeiten für bestimmte Leistungen zu hoch bemessen waren. Mit der Reform sinken die Zeiten um 30 Prozent – und damit auch das Risiko von Prüfungen.

Die neue Kalkulation soll auch für eine größere Honorargerechtigkeit zwischen und innerhalb der Arztgruppen sorgen. Gassen: „Dies ist allerdings nur im begrenzten Umfang möglich, da die Krankenkassen nicht mehr Geld bereitstellen. Denn jede Umverteilung führt bei begrenzten Honorargeldern schnell zu neuen Ungerechtigkeiten.“

Aufbau des EBM bleibt unverändert

Der Aufbau und die Struktur des EBM bleiben von der Reform unberührt. Auch bei der Abrechnung der einzelnen Leistungen ändert sich für die Ärzte und Psychotherapeuten kaum etwas. Strukturelle Änderungen, wie punktuelle inhaltliche Erweiterungen der Leistungsbeschreibungen oder redaktionelle Klarstellungen, wurden in Abstimmung mit den Berufsverbänden auf das Nötigste reduziert.

Dass mit der Reform nur wenige Leistungen neu in den EBM aufgenommen werden, hängt damit zusammen, dass es kaum zusätzliches Geld gibt. Lediglich für drei Leistungsbereiche stellen die Krankenkassen zusätzliches Geld zur Verfügung: für die Aufnahme der Dermatoskopie im Rahmen des Hautkrebsscreenings, für die Beratung beim Chlamydienscreening und für die höhere Bewertung der Urethrozystoskopie des Mannes. Bundesweit fließen dafür 70 Millionen Euro mehr in die Gesamtvergütung, ein Plus von 0,2 Prozent.

Hausbesuche weiter auf der Agenda

Die Krankenkassen hatten einen Vorschlag zur Höherbewertung der Hausbesuche auf die Agenda der EBM-Weiterentwicklung gesetzt – bei Punktsummen- und Kostenneutralität. „Das konnten wir in keinem Fall akzeptieren, da dies zulasten der Versorger gegangen wäre“, betont der stellvertretende KBV-Vorsitzende Dr. med. Stephan Hofmeister. Denn dies sei nur über eine Abwertung der Versichertenpauschalen zu machen gewesen.

Die KBV hat erreicht, dass die Krankenkassen den Vorschlag zurückgezogen haben. Nun steht die Bewertung der Hausbesuche für 2021 auf der Agenda. Nicht nur die Hausbesuche, auch andere Bereiche wie etwa das ambulante Operieren oder die Sachkostenpauschalen harren einer Neubewertung. Auch der kalkulatorische Arztlohn soll nach dem Willen des KBV-Vorstands bald angehoben werden. Nach der Reform ist deswegen vor der Reform.

Frank Naundorf

Stimmen zum EBM
Das Foto zeigt Dr. med. Arno Theilmeier, Gastroenterologe aus Mönchengladbach
» Diese EBM-Reform ist in meinen Augen blanker Honorarbolschewismus. Geld wird umverteilt von vermeintlich gut verdienenden Praxen zu vermeintlich schlechter verdienenden. Uns Gastroenterologen droht nicht nur ein Umsatzverlust von gut fünf Prozent, wie die Simulationsrechnung der KBV anzeigt, sondern ein deutlich höherer Ertragsverlust von bis zu 15 Prozent. Der Hauptgrund dafür sind die schlechter bewerteten Koloskopien. Wir haben noch mehr Kröten zu schlucken: So wurden die Prüfzeiten für Koloskopien verlängert und unsere Gesprächsleistungen reduziert. Das können und werden wir nicht auf sich beruhen lassen. «
Dr. med. Arno Theilmeier
Gastroenterologe aus Mönchengladbach | Vorsitzender des Landesverbands Nordrhein im Berufsverband niedergelassener Gastroenterologen Deutschlands (bng)
Das Foto zeigt Dr. med. Alexander Stork, Radiologe aus Düsseldorf
» Unsere Arbeit wird vorwiegend politisch motiviert abgewertet. Technisch findet diese Abwertung auf Basis von Berechnungen statt, die auf Daten von nicht repräsentativen Subgruppen fußen. So wurden die kalkulatorischen Kosten der Radiologie im Standardbewertungssystem um 100.000 Euro gesenkt – und der Investitionsstau damit wissentlich fortgeschrieben. Ohne Einbeziehung, ja hinter dem Rücken unseres Berufsverbands wurden Untersuchungs-, Befundungs- und Patientenwechselzeiten willkürlich und sachfremd erheblich und unplausibel reduziert. Zu keinem Zeitpunkt der Gespräche mit der KBV wurde der BDR darüber transparent informiert. «
Dr. med. Alexander Stork
Radiologe aus Düsseldorf | Vorsitzender des Landesverbands Nordrhein des Berufsverbands der Deutschen Radiologen (BDR)
Das Foto zeigt Dr. med. Uwe Meier, Neurologe aus Grevenbroich
» Der Versorgungsbedarf bei Patientinnen und Patienten mit neurologischen und psychischen Erkrankungen hat dramatisch zugenommen. Die EBM-Reform unter dem Aspekt der Kostenneutralität ist kein geeignetes Mittel, diese wachsende Patientengruppe besser zu versorgen. Ohne eine gezielte Förderung der zeitgebundenen Gesprächsleistungen zur Diagnostik, Behandlung und Therapiepieprüfung wird sich nichts an der angespannten Versorgungssituation neurologisch, psychiatrisch und psychosomatisch erkrankter Kinder und Erwachsener ändern. Die moderate Besserstellung mancher Gesprächsleistungen wird dadurch konterkariert, dass diese nicht zu 100 Prozent ausbezahlt werden beziehungsweise die sogenannten Grundpauschalen erheblich abgesenkt werden. «
Dr. med. Uwe Meier
Neurologe aus Grevenbroich | 1. Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Neurologen (BDN)