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DMP-Atlas: Regionale Gesundheitsparameter online

03.02.2020 DMP, KVNO aktuell

Der neue webbasierte DMP-Atlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) zeigt die Daten der patientenbezogenen DMP-Qualitätsziele vor Ort, für alle derzeit laufenden DMP und alle aktuell gültigen Qualitätsziele. Der Atlas zeigt die Unterschiede in Städten und Landkreisen Nordrhein-Westfalens auf. Somit bietet er eine gute Basis, epidemiologische Fragen zu beantworten.

In den vergangenen Jahren sind regionale Differenzen in der medizinischen Versorgungsqualität stärker in den öffentlichen Fokus gerückt. Dies betrifft sowohl die Prävalenz verschiedener Erkrankungen sowie die Häufigkeit operativer Eingriffe als auch medikamentöse Verordnungen.

Es ist davon auszugehen, dass meist ein ganzes Set von Faktoren Einfluss auf den jeweils untersuchten Indikator nimmt. So lassen sich auch bei Betrachtung der Patientenmerkmale wie Alter, Geschlecht, Komorbidität sowie der individuellen Lebensstil-, Persönlichkeits- und Risikofaktoren oder ausgewählter genetischer Marker niemals alle möglicherweise relevanten Parameter ermitteln.

Hinzu kommt ein ganzes Bündel diverser Umweltfaktoren inklusive sozialer oder wirtschaftlicher Strukturen in der unmittelbaren Lebensumgebung der Patienten. Als dritter relevanter Aspekt ist zudem die Menge, Dichte und Erreichbarkeit medizinischer Versorgungsangebote zu bedenken, die für einen Teil der Stadt-Land-Unterschiede maßgeblich sein kann.

Regionale Unterschiede

Im Rahmen der DMP wurden bisher lediglich vereinzelt Unterschiede in der Versorgungsqualität jeweils innerhalb einer Region untersucht. So wurde unter anderem der Einfluss der mittleren Entfernung zwischen hausärztlichen Praxen und den nächstgelegenen spezialisierten Angeboten der Diabetesversorgung auf die Höhe der Stoffwechseleinstellung beziehungsweise die Häufigkeit schwerer Hypoglykämien untersucht. Die Ergebnisse sind im DMP-Qualitätsberichts 2015 dargestellt.

Im Rahmen des aktuellen DMP-Berichts erfolgte eine Analyse der Qualitätszielerreichung für alle DMP sowie aller aktuell gültigen patientenbezogenen Qualitätsziele für das komplette Bundesland NRW auf der Ebene sämtlicher 53 Städte und Landkreise. Dies ermöglicht erstmals einen Gesamtüberblick auch der kleinräumigen regionalen Unterschiede bei allen Qualitätsindikatoren. In NRW betreuen Ärzte circa 1,685 Millionen Patienten in DMP – rund ein Viertel der DMP-Patienten bundesweit.

Neben der kartografischen Visualisierung bietet der DMP-Atlas im Internet eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten, sich die Zielerreichung detailliert anzuschauen. So können die Ergebnisse dort zum Beispiel nach Regionen, Städten oder Landkreisen gefiltert beziehungsweise nach der absoluten oder relativen Anzahl der Patienten sortiert werden. Alle dort hinterlegten, aggregierten Zahlen lassen sich exportieren.

Qualitätsziele konkret

In dem DMP Diabetes mellitus Typ 1 zeigt sich für das Qualitätsziel „Wahrnehmen einer empfohlenen Diabetes-Schulung“ eine Teilnehmerspanne zwischen 27 und 90 Prozent bezogen auf einen Zeitraum von bis zu zwölf Monaten nach der Empfehlung. Hohe Werte finden sich vor allem entlang des Rheins, so im Rhein-Sieg-Kreis und in den Kreisen Mettmann und Kleve sowie den Städten Köln, Duisburg und Oberhausen, aber auch an der Landesperipherie, beispielsweise in den Kreisen Heinsberg, Siegen-Wittgenstein, Höxter und Steinfurt. Niedrige Quoten werden vor allem im Ruhrgebiet in Bottrop, im Kreis Recklinghausen, in Bochum, Dortmund sowie Düsseldorf oder Solingen erreicht.

Betrachtet man die Schulungswahrnehmung bei den vier DMP Typ-1- und Typ-2-Diabetes, Koronare Herzkrankheit sowie Asthma bronchiale, so wird in den Landkreisen ein geringerer Durchschnittswert als in den städtischen Verdichtungsräumen erreicht. Für andere Indikatoren zeigt der DMP-Atlas allerdings genau den gegenteiligen Effekt: Im DMP Typ-2-Diabetes finden sich beispielsweise die höchsten Quoten für das Überprüfen der Nierenfunktion oder eine komplette Untersuchung des Fußstatus eher in den ländlichen Randgebieten von NRW.

Lassen sich Differenzen auch hinsichtlich patientenrelevanter Outcome-Indikatoren wie etwa Amputationen bestätigen? Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass auch hierbei beträchtliche regionale Unterschiede existieren. Über deren Ursachen werden zukünftige Analysen Auskunft geben.

Frank Naundorf

 

„Ergebnisse für jeden Ort abrufbar“

Der DMP-Atlas NRW vermittelt für alle DMP und alle patientenbezogenen Qualitätsziele einen Gesamtüberblick zu kleinräumigen regionalen Unterschieden zwischen den Städten und Landkreisen Nordrhein-Westfalens. Den Atlas hat der von Dr. Bernd Hagen geleitete Fachbereich Evaluation und Qualitätssicherung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (Zi) erstellt.

Waren Sie überrascht von den Unterschieden?

Von den Unterschieden an sich nicht. Aus den Feedback-Berichten und den zahlreichen Besuchen in Qualitätszirkeln wissen wir seit vielen Jahren, dass sich auf der Ebene einzelner Praxen oder lokaler Praxisgruppen eine große Spannweite beim Erreichen der DMP-Qualitätsziele zeigt. Wenn man sich allerdings die Größe der Differenzen zwischen den Städten und Landkreisen im Detail anschaut, wird man schon etwas nachdenklich. Hierauf werden wir künftig noch intensiver bei Fortbildungsveranstaltungen eingehen.

Das Foto zeigt Dr. Bernd Hagen, Leiter des Fachbereichs Evaluation und Qualitätssicherung, Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland

Dr. Bernd Hagen, Leiter des Fachbereichs Evaluation und Qualitätssicherung, Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland

Wie geht es weiter mit dem Atlas?

Wir werden den DMP-Atlas Schritt für Schritt weiter ausbauen. Bislang zeigen wir dort zum Beispiel nur die rohen, also in Bezug auf Alters- und Geschlechtsunterschiede nicht adjustierten Häufigkeiten. Die adjustierten Häufigkeiten stellen wir bislang nur in den Berichten dar. Künftig werden sie auch im Atlas zu finden sein. Weiter ist geplant, zu allen DMP ergänzende Analysen der regionalen Ereignishäufigkeiten anzubieten, zum Beispiel für Indikatoren wie die Häufigkeit schwerer Hypoglykämien, die Häufigkeit von Herzinfarkten, Schlaganfällen oder koronartherapeutischer Interventionen.

Wie können Ärzte vor Ort die Daten nutzen?

Jeder kann sich die DMP-Ergebnisse in seiner Stadt oder seinem Landkreis anschauen. Der Atlas ermöglicht über seine Filter-, Sortier- und Exportfunktionen auch schnelle und einfache Vergleiche zum Beispiel mit Nachbarstädten oder -kreisen. Wir hoffen, dass dies Qualitätszirkel dazu anregt, sich mit den Hintergründen ihrer regionalen Ergebnisse stärker auseinanderzusetzen. Mittelfristig könnten dadurch die großen Unterschiede beim Erreichen der Qualitätsziele verringert und die Versorgungsqualität weiter verbessert werden.

Die Fragen stellte Frank Naundorf.