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"Derzeit brauchen wir die Impfpflicht"

27.06.2019 KVNO aktuell

Die Impfpflicht wird in der Politik, aber auch in der Ärzteschaft heiß diskutiert. Die Pädiater unterstützten die Pläne des Bundesgesundheitsministeriums. Warum sie das tun und wo sie den Gesetzentwurf ändern würden, besprachen wir mit Christiane Thiele, der nordrheinischen Vorsitzenden des Berufsverbands.

Was halten Sie von einer Pflicht für Impfungen? Oder doch besser nur Aufklären?

Grundsätzlich sind Freiwilligkeit und Überzeugung die erste Wahl. Doch leider reicht dies derzeit nicht. Die Pflicht ist notwendig geworden, um Menschen vor der Ansteckung zu schützen. Es wäre schön, wenn wir darauf verzichten könnten.

Dafür sind erst einmal höhere Durchimpfungsraten nötig. Warum liegen wir unter den 95 Prozent? Haben wir so viele erklärte Impfgegner?
Christiane Thiele; KVNO, Malinka

Zur Person: Christiane Thiele ist Vorsitzende des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Nordrhein und Mitglied der Vertreterversammlung der KV Nordrhein. Seit 2009 ist sie in Viersen niedergelassen.

Nein, das glaube ich nicht. Aber die Impfgegner sind sehr aktiv und im Internet und in den sozialen Medien präsent. Ich hatte vor einigen Tagen Eltern in der Praxis, die ihr Kleinkind nicht gegen Masern impfen lassen wollten, weil sie auf Facebook gelesen hatten, dass dies in Einzelfällen zu Atemstillstand führen könnte.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich habe mir Zeit genommen für eine gute Aufklärung. Wir müssen den Menschen erklären, wie gut Impfungen helfen. Das ist der beste Weg – auch wenn diese Art von sprechender Medizin leider nicht besonders gut honoriert wird.

Sehen Sie Handlungsbedarf?

Eine höhere Vergütung wäre angesichts des Aufwands sicher gerechtfertigt. Vielleicht lässt sich im Kontext des Gesetzes zumindest sicherstellen, dass die Impfberatung auch dann vergütet wird, wenn wir sie zusammen mit anderen Leistungen abrechnen.

Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums arbeiten im Gesundheitswesen viele Menschen, die nicht gegen Masern geschützt. Wie finden Sie das?

Das ist unverantwortlich. Deswegen ist es gut, dass die Impfpflicht nicht nur für Erzieherinnen und Erzieher gilt, sondern auch für die Menschen, die in Kliniken und Praxen arbeiten. Ganz wichtig dabei: die Hebammen.

Wenn bei den Einschulungsuntersuchungen fast 95 Prozent der Kinder geimpft sind, warum klappt dann die Elimination nicht?

Weil die Masern sich dann weiter verbreiten können. Wir müssen um die entscheidenden drei Prozentpunkte kämpfen. Dabei ist zu beachten, dass wir in vielen Regionen eine sehr gute Durchimpfungsrate haben. Es gibt aber auch Gebiete, wo wir nur 80 Prozent Geimpfte vorfinden.

Woran liegt das?

Das kann unterschiedliche Ursachen haben. Es gibt Gebiete mit vielen Menschen, die aus Ländern kommen, in denen das Impfen nur eine untergeordnete Rolle spielt. Auch um die eine oder andere Waldorfschule soll es niedrigere Quoten geben. Und leider gibt es auch ärztliche Kolleginnen und Kollegen, die nicht konsequent impfen.

In Deutschland treten immer mehr Masernfälle bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf. Reicht es, wenn sich das Gesetz auf den Impfschutz der kleineren Kinder konzentriert?

Nein, wir müssen auch die Älteren im Blick behalten. In meiner Praxis schauen wir uns ebenso den Impfstatus der Eltern und der Großeltern an. Zum Glück dürfen wir das in Nordrhein, das ist nicht in allen Regionen der Fall.

Hilft Ihnen ein digitaler Impfausweis dabei?

Durchaus, denn immer wieder fehlen die Ausweise. Wenn die Angaben über die eGesundheitskarte abrufbar wären, dann hätten wir sie immer verfügbar. Derzeit impfen wir im Zweifel lieber einmal zu viel.

Der Gesetzentwurf ist auf die Masern fokussiert. In Deutschland ist ein Mono-Impfstoff aber gar nicht erhältlich. Wie bewerten Sie das?

Ich würde das Gesetz auf alle von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen ausweiten. Das dürfte die Impfpflicht weniger angreifbar machen und auch eventuellen Diskussionen in der Praxis vorbeugen. Ich bin aber auch dafür, weil Impfungen einfach den wirksamsten Schutz vor Krankheiten bieten.

Die Fragen stellte Frank Naundorf.