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MVZ: Tendenz weiter wachsend

27.10.2017 Praxisinfos, Verträge

Die Geschichte der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) beginnt im Jahr 2004. Da wurden die ersten MVZ eröffnet – und die Zahl ist seitdem kontinuierlich gewachsen. Inzwischen arbeitet in Deutschland fast jeder zehnte niedergelassene Arzt dort, Tendenz ungebrochen steigend. Einer von ihnen ist Dr. med. Christoph Lersch. Der Pneumologe arbeitet als ärztlicher Leiter am Ambulanten Zentrum für Lungenheilkunde, Allergologie und Anästhesiologie in Aachen. Einen festen Plan, in ein Versorgungszentrum einzusteigen, hatte er nicht. „Ich wollte mich niederlassen, doch dann hat mich ein Personaldienstleister angesprochen.“ Der Pneumologe mit den Schwerpunkten Allergologie und Schlaf- und Sozialmedizin passte genau ins Suchprofil – und so kehrte er nach längerer Zeit wieder in seine Heimatregion Aachen zurück.

Das war vor über sechs Jahren. „Ich war froh, kein finanzielles Risiko eingehen zu müssen, das mit dem Kauf einer Praxis ja schließlich immer verbunden ist.“ Den Schritt würde er deswegen immer wieder machen, zumal Lersch sich in seiner Arbeit frei fühlt. Es gebe keinerlei feste Vorgaben durch den MVZ-Träger, die Entscheidungen richteten sich allein nach der medizinischen Notwendigkeit. „Ich würde nicht anders arbeiten, wenn es meine eigene Praxis wäre.“ Wie wenig Unterschiede es zur Arbeit im Vergleich zur klassischen Niederlassung gibt, kann der 49-Jährige gut einschätzen: Seine Frau ist niedergelassene Gynäkologin.

Das Bild zeigt Dr. Christoph Lersch.

Dr. med. Christoph Lersch: "Ich würde nicht anders arbeiten, wenn es meine eigene Praxis wäre."

Das Ambiente des MVZ in Aachen ist modern. Die Räume befinden sich in einem Ärztehaus nahe des Luisenhospitals, das auch Träger des MVZ ist. Lersch arbeitet zusammen mit seinem Kollegen Dr. med. Erik Skobel und einem zwölfköpfigen Team. Mit dem Luisenhospital kooperiert er in einem Lungenzentrum, sodass schwer kranke Patienten rasch und unkompliziert stationär versorgt werden können. „Eine gute und kollegiale Zusammenarbeit besteht auch mit den anderen Lungenabteilungen der umliegenden Krankenhäuser“, betont der Pneumologe.

Seit Anfang des Jahres ist Lersch Mitglied der Vertreterversammlung der KV Nordrhein. Hier vertritt er die angestellten Ärztinnen und Ärzte. Ein Grund für die oft zeitaufwändige und rein ehrenamtliche Tätigkeit ist, die Belange der niedergelassenen Ärzte zu stärken. Als besonderes Anliegen nennt er die Sicherung der allergologischen Versorgung, die derzeit unterfinanziert sei.

Ende 2016 gab es 2.490 MVZ in Deutschland, davon befanden sich 257 in Nordrhein. Innerhalb des vergangenen Jahres ist die Zahl um satte 15,5 Prozent gewachsen. Diese Dynamik hängt wohl damit zusammen, dass mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz Regelungen rund um die MVZ liberalisiert wurden. Seit Mitte 2015 dürfen zum Beispiel auch Ärzte einer Fachgruppe ein MVZ gründen. 7,7 Prozent der Ärzte in der KV Nordrhein arbeiten inzwischen in einem MVZ. Die Zahl liegt etwas unter dem Bundesdurchschnitt von 9,4 Prozent.

Die Grafik zeigt in mehreren Bildern die wichtigsten Zahlen zu MVZ.
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Helga Odendahl, Psychotherapeutin aus Köln, ist Geschäftsführerin eines MVZ in Köln. Ein Krankenhaus oder einen sonstiger Träger hat sie nicht über sich. Sie ist ihr eigener Chef – und das hat Vor- und Nachteile. „Anders als in einer Gemeinschaftspraxis bin ich für alles, was in unserem MVZ passiert, allein verantwortlich. Dafür kann ich allerdings absolut selbstbestimmt arbeiten und durch die acht angestellten Kolleginnen und Kollegen können wir den Patienten ein breites Angebot bieten.“

Schwierig sei zu Beginn jedoch vor allem die Gründungsphase gewesen, bis das MVZ 2016 stand. „Neben Antragstellungen, Terminen mit Steuerberatern, Buchhaltern und Anwälten musste ich mich selbst auch noch sehr tief in Themen wie Arbeitsrecht und noch einige mehr einarbeiten. Das war schon eine große Herausforderung“, erzählt die Psychotherapeutin.

Das Bild zeigt Helga Odendahl.

Helga Odendahl: "Wir können den Patienten ein breites Angebot bieten."

Für ihre angestellten Therapeuten ergeben sich beim Arbeiten im MVZ große Vorteile: Sie erhalten ein festes Gehalt plus Bonuszahlungen bei Mehrarbeit, können flexibel arbeiten, können bei mehreren Zulassungen auch das Therapieangebot wechseln und haben keine Bürokratie im Nacken. „Alles Organisatorische machen die Kolleginnen im Sekretariat und ich“, erklärt Odendahl. Daher sei die Arbeit im MVZ vor allem etwas für Menschen, die sich gern voll und ganz auf ihre fachliche Arbeit konzentrieren und flexibel sein wollen.

Kritischer Blick der KVNO

Die KV Nordrhein sieht in den MVZ geeignete Strukturen, um Patienten kooperativ zu versorgen. „Doch die wachsende Zahl von MVZ, die von Klinikträgern betrieben werden, bereitet uns Sorgen“, sagt Dr. med. Carsten König, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein. „Es wäre naiv, dahinter nicht auch ökonomische Motive für den Krankenhausbetrieb zu vermuten.“

Noch problematischer werde es, wenn Investoren und Kapitalgesellschaften via MVZ Arztsitze aufkaufen, um monopolartige Strukturen zu etablieren. In Bereichen wie der Dialyse, der Radiologie oder der operativen Augenheilkunde sei die Entwicklung bereits weit fortgeschritten. Der Vorsitzende der KV Nordrhein, Dr. med. Frank Bergmann, forderte dagegen „eine Renaissance der ärztlichen Freiberuflichkeit“.

Marscha Edmonds | Frank Naundorf

Medizinische Versorgungszentren

Medizinische Versorgungszentren (MVZ) sollen eine patientenorientierte Versorgung aus einer Hand ermöglichen. MVZ müssen ärztlich geleitet werden. In ihnen können Vertragsärzte und/oder angestellte Ärzte arbeiten. Der ärztliche Leiter muss in dem MVZ selbst als angestellter Arzt oder Vertragsarzt tätig sein.

MVZ können Ärzte aus mehreren oder nur einer Fachgruppe gründen. Sind in einem MVZ unterschiedliche Berufsgruppen gemeinsam tätig (beispielsweise Ärzte und Psychotherapeuten), kann das MVZ auch in kooperativer Leitung geführt werden. Die Kooperationsform MVZ wurde mit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz im Jahr 2004 eingeführt. Die gesetzliche Grundlage ist der Paragraf 95 des Sozialgesetzbuchs V.

 

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