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Multimedikation: Weniger ist mehr

Stand: 10/2010

Die meisten von uns kennen das Problem: Aufgrund zahlreicher Erkrankungen oder Beschwerden stehen im Therapieplan eines Patienten viele verschiedene Arzneistoffe. Aber welche könnte man eigentlich weglassen?

Sie können diesen Entscheidungsprozess strukturieren und nachvollziehbar gestalten — unter ausdrücklicher Einbindung der Patientenpräferenzen und Wünsche. Zunächst sollten Sie die bestehende Medikation in eine Tabelle eintragen und den beiden Spalten „symptomatische Therapie“ und „prognosebessernde Therapie“ zuzuordnen.

Die wenigen Substanzen, die beiden Kriterien erfüllen (zum Beispiel Betablocker bei KHK), tragen sie in beide Spalten ein. Die wichtigste Substanz auf der ersten Position eintragen, die anderen Substanzen absteigend gemäß ihrer Wichtigkeit in der Behandlung. Dabei legen Arzt und Patient die Rangfolge der Arzneimittel im gemeinsamen Gespräch fest. Das ist Voraussetzung für die Entscheidung, ob und auf welche Arzneimittel verzichtet werden kann.

Das Foto zeigt Patient und Arzt im Gespräch.

Arzt und Patient gewichten gemeinsam, auf welche Präparate die Therapie konzentriert werden soll

Subjektive Symptome

Die Symptome können nämlich in Ausprägung, Intensität und Wahrnehmung individuell unterschiedlich sein — und somit kann für ein und dieselbe Substanz die Rangfolge für Patienten mit gleicher Medikation durchaus verschieden sein. Beispiel: Schwindel oder Tinnitus ist für den einen Patienten vernachlässigbar, für den anderen stark belastend und einschränkend.

Unter symptomatischer Therapie sind auch Arzneistoffe einzuordnen, die eher einen Laborwert ohne nachgewiesenen Nutzen verbessern, etwa Allopurinol. Genauso gehen Sie bei den prognosebessernden Arzneistoffen vor. Auch hier kann abhängig von Alter, Begleiterkrankungen und Lebenssituation (zum Beispiel palliative Situation) die Bedeutung und somit auch die Rangfolge verschieden sein.

Liegt die patientenspezifische Gewichtung vor, können Arzt und Patient gemeinsam entscheiden, welcher und wie viele Arzneistoffe verzichtbar sind, mit welchen Arzneistoffen man einen Auslassversuch durchführen will und welche Arzneistoffe unbedingt zum Therapieregime gehören.

Stück für Stück ausschleichen

Der Grundsatz „Weniger ist oft mehr“ gilt auch für die Arzneimittelauswahl bei Multimedikation. Es gibt gute pharmakologische Gründe für die Annahme, dass man über mögliche Interaktionen bei gleichzeitigem Einsatz von mehr als fünf Arzneistoffen keine Vorhersage treffen kann.

Gehen Sie schrittweise vor, wenn Sie sich zusammen mit dem Patienten entschieden haben, einzelne Arzneistoffe abzusetzen. Dabei sollten Sie immer nur einen Arzneistoff absetzen und, wenn nötig, ausschleichen. So führt beispielsweise das plötzliche Absetzen von Betablockern zum reflektorischen Blutdruckanstieg. Auch bei Protonenpumpeninhibitoren wurden Rebound-Phänomene beschrieben. Nur beim schrittweisen Absetzen können Sie beurteilen, mit welchem Arzneistoff eine Änderung des Gesundheitszustandes verbunden ist.

Häufig sind Symptome des Patienten Folge einer nicht erkannten Nebenwirkung oder Interaktion. Darüber hinaus belasten die Arzneistoffe die Abbauwege zum Beispiel über Leber und Niere und schränken die biologische Leistungsfähigkeit ein. All dies sollte — neben dem Wunsch des Patienten, weniger Tabletten einzunehmen — Motivation genug sein, einen strukturierten Versuch zu unternehmen, die Anzahl an Arzneistoffen zu reduzieren.

Dr. Joachim Fessler

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der KV Hessen

Leitlinien helfen einzuschätzen, ob eine Therapie symptomverbessernd oder prognoseverbessernd wirkt. Infos dazu unter:

Strukturierte Auswahl

Wenn Patienten viele Arzneimittel einnehmen, sollten Sie sich mithilfe einer Tabelle eine übersicht über die Medikation verschaffen, indem Sie die Arzneien nach Mitteln in symptomatische und prognosebessernde aufteilen. Erst dann legen Sie mit dem Patienten eine Rangfolge fest.

Die Grafik zeigt eine beispielhafte Patientendokumention

Die Tabelle sollten Sie der Patientendokumentation hinzuzufügen, um den Entscheidungsprozess zu dokumentieren.