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Tipp aus der Praxis: Diagnostik und Therapie der Hypothyreose

Stand: 03/2009

Thyroxin ist eines der meistverordneten Medikamente. Notwendig ist die Verordnung bei Struma, nach Operation bzw. Radiojodtherapie der Schilddrüse und in Fällen von eindeutiger Hypothyreose. Schwieriger ist die Entscheidung bei Patienten mit grenzwertiger bzw. leichter TSH-Erhöhung (< 10 mU/l) ohne sonstige objektive Hinweise auf eine Schilddrüsen-Erkrankung. Sie sollte gut durchdacht sein.

Da es sich bei den meisten Fällen der echten, endogenen Hypothyreose um unwiederbringlichen Funktionsverlust durch Aplasie, Atrophie oder chronische Autoimmunprozesse handelt, muss die Substitution in aller Regel lebenslang fortgeführt werden. Entsprechend groß ist die Tragweite dieser Diagnose.

Die Diagnosestellung beruht idealerweise auf der Bestimmung des TSH-Wertes. Berücksichtigen Sie dabei zwei Punkte:

1. Zuverlässigkeit des Werts

Gerade grenzwertig bis leicht erhöhte TSH-Werte aus Allgemeinlabors lassen sich häufig nicht bestätigen bei der Analyse in einem speziellen Hormonlabor. Außerdem erweisen sich solche minimale Erhöhungen oft als unspezifisch und normalisieren sich im Verlauf von Monaten auch ohne Behandlung.

2. Festlegung des Normbereichs

Die Diskussion der vergangenen Jahre um Senkung der oberen TSH- Normgrenze auf ca. 2,5 mU/l war nicht überzeugend; der Wert hat sich in der Fachwelt nicht durchgesetzt.  Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie hat eindeutig festgelegt, dass der bisherige Normalbereich von ca. 0,4 bis 4 mU/l weiterhin gültig ist (Ausnahme: Kinderwunschpatientinnen, Schwangere und Kinder/Jugendliche). Die obere Normgrenze liegt also bei Erwachsene bei 4 mU/l.

„Die bisherige obere Normgrenze für Erwachsene von 4 mU/l gilt weiterhin, ebenso die obere Grenze von -6 mU/l für Kinder und Jugendliche“, sagte der Endokrinologe Prof. Martin Grußendorf auf der Jahrestagung 2008 der Sektion Angewandte Endokrinologie der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie in Köln. Häufig werden gerade Kinder unbegründet mit Thyroxin behandelt, weil ein Labor den Normwert für Erwachsene angibt.

Vorsicht ist also bei der Entscheidung geboten, eine Thyroxinsubstitution auf der Basis eines einzelnen, grenzwertig bis leicht erhöhten TSH-Wertes (zwischen 3 und 10 mU/ml) einzuleiten. Eine Wiederholung des Wertes und Untersuchung auf sonstige Merkmale einer Schilddrüsen-Erkrankung mittels Sonographie und Autoantikörper-Bestimmung sollte der Entscheidung zu einer voraussichtlich lebenslangen Behandlung vorausgehen.

Ausnahmen gelten für Frauen mit Fertilitätsstörung und für Schwangere, bei denen bereits im oberen Normbereich liegende TSH-Werte Anlass zu einer wenigstens vorübergehenden Thyroxingabe sein können. Wenn in anderen Fällen bei glaubhaft minimal erhöhten TSH-Werten eine Behandlung von Symptomen wie Gewichtszunahme, Müdigkeit, Hyperlipidämie versucht wird, sollte diese nur bei eindeutigem subjektivem Vorteil fortgesetzt werden.

Außerdem sollten Sie in einem solchen Fall nach ein bis zwei Jahren versuchen, die Medikation einmal auszulassen. Dann können Sie beurteilen, ob wirklich ein dauerhafter Behandlungsbedarf besteht.

Noch ein Tipp: In der Substitution der wahren endogenen Hypothyreose, besonders der autoimmunbedingten, sollte ein reines Schilddrüsenhormonpräparat wie Thyroxin gewählt werden. Solche Krankheiten haben keine Basis in einer Jod-Unterversorgung – und Kombinationspräparate von Thyroxin und Jodid haben in deren Behandlung keinen Platz.

Dr. (USA) Ted B. West, Düsseldorf
Facharzt für Innere Medizin, Schwerpunkt Endokrinologie