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„Die Impfpflicht gegen Masern war schon lange fällig“

Am 1. März 2020 ist das Masernschutzgesetz in Kraft getreten. Seitdem müssen Eltern vor der Aufnahme in eine Kita oder Schule nachweisen, dass ihr Kind gegen Masern geimpft oder bereits immun ist. Die Impfpflicht gilt auch für medizinische Einrichtungen.

Alle Beschäftigten von Arztpraxen, ambulanten Pflegediensten oder Krankenhäusern müssen geimpft sein oder ihre Immunität nachweisen. Was das Gesetz für Kinderärzte und Medizinische Fachangestellte bedeutet und welche Auswirkungen es auf den Praxisalltag hat, erläutern Dr. med. Helmut Baar, niedergelassener Kinderarzt in Oberhausen, und die vollzeittätige Medizinische Fachangestellte Neslihan Caliskan.

Dr. med. Helmut Baar, niedergelassener Kinderarzt in Oberhausen, und MFA Neslihan Caliskan; Foto: KVNO

Dr. med. Helmut Baar, niedergelassener Kinderarzt in Oberhausen, und seine Medizinische Fachangestellte Neslihan Caliskan; Foto: KVNO

Wie ist Ihre Einstellung im Allgemeinen zum Masernschutzgesetz?

Dr. Baar: Das Masernschutzgesetz beziehungsweise die Verpflichtung zur Masernimpfung war schon lange fällig und ist aus meiner Sicht kein Eingriff in unsere freie Entscheidungswahl, da ich Masern für eine sehr gefährliche Erkrankung halte. Das Problem dabei ist auch, dass die Gefahr nicht nur mich selbst betrifft, sondern auch meine Mitmenschen, die aufgrund ihres Alters beispielsweise nicht geimpft werden können und somit keinen Schutz gegen die Erkrankung vorliegen haben. Denn der Impfstoff in Kombination mit Masern, Mumps, Röteln und Varizellen wird erst ab dem 11. Lebensmonat genutzt.

Was halten Sie von den Sanktionen? Ist das Bußgeld in Höhe von 2500 Euro angemessen?

Dr. Baar: Ich denke, dass das Bußgeld nicht dafür sorgen wird, die Entscheidung von „Impfgegnern“ zu ändern. Aus meiner Sicht muss man alle Eltern und alle Patienten, die sich gegen die Impfung entscheiden und an Masern erkranken und daher mit lebenslangen Behinderungen rechnen müssen, dazu verpflichten, die Kosten selber zu tragen. Die Kosten sollten nicht zulasten der gesetzlichen Krankenkassen erfolgen. Denn wenn es an den eigenen Geldbeutel geht, dann werden Menschen meistens vernünftiger.

Wie ist die Einstellung der Eltern im Allgemeinen? Wie reagieren diese auf das Thema Impfplicht gegen Masern?

Dr. Baar: Die meisten Eltern halten das Masernschutzgesetz für sinnvoll und verstehen nicht, dass es immer noch Eltern gibt, die ihre Kinder nicht impfen lassen.

Wie viele Patienten werden im Durchschnitt pro Woche in Ihrer Praxis gegen Masern geimpft? Und wie oft kommt es vor, dass Eltern die Impfung gegen Masern ablehnen?

Dr. Baar: Wir haben grundsätzlich eine sehr gute Durchimpfungsrate. Im Schnitt führen wir 30 Impfungen pro Woche durch. Wir verabreichen hierbei den Kombi-Impfstoff Masern, Mumps, Röteln und Varizellen. Es kommt sehr selten vor, dass Eltern die Impfung gegen Masern ablehnen. Im Schnitt handelt es sich hierbei um ein bis zwei Fälle im Jahr.

Inwieweit werden sich die Beratungen nach dem neuen Gesetz ändern?

Dr. Baar: Die Beratungen werden sich nicht ändern. Die laufen wie bisher, indem wir die Eltern über den Nutzen der Impfung und die Krankheit informieren, auf mögliche Nebenwirkungen, Komplikationen und Kontra-Indikationen hinweisen, Empfehlungen über Verhaltensmaßnahmen im Anschluss an die Impfung abgeben und über Beginn und Dauer der Schutzwirkung informieren. Die Eltern erhalten auch Infomaterialien von meinen Medizinischen Fachangestellten. Im Fall einer Ablehnung, trotz intensiver Beratungen und Aufklärungen, weise ich die Eltern darauf hin, dass die Entscheidung gegen die Masernimpfung eine Form von Kindesmisshandlung ist und ebenso eine Körperverletzung darstellt, wenn dadurch auch noch andere Kinder angesteckt werden, die aufgrund ihres Alters noch keinen Impfschutz erhalten konnten.

Welche Rolle spielen Sie als MFA beim Impfen?

Caliskan: Wir unterstützen und stehen ganz klar hinter der Meinung unserer Chefs. Bei Unsicherheiten bieten wir den Eltern erneut einen Gesprächstermin für eine weitere Beratung an und stellen die Infomaterialien zur Verfügung.

Kinderarzt Dr. med. Helmut Baar aus Essen und sein Praxisteam; Foto: KVNO

Dr. med. Helmut Baar und sein Praxisteam; Foto: KVNO

Was halten Sie davon, dass das Praxispersonal ebenso eine Immunität gegen Masern nachweisen muss?

Caliskan: Das ist sehr wichtig, dass wir als Praxispersonal immun gegen die Erkrankung Masern sind. Zum einen, um uns selbst davor zu schützen, zum anderen, um die Ansteckung der Patienten zu vermeiden. Schließlich sind wir für Patienten die erste Kontaktperson in der Praxis.

Ist das ganze Praxispersonal gegen Masern geimpft?

Caliskan: Ja, wir haben alle einen Schutz gegen Masern vorliegen. Dies wurde noch vor kurzem im Rahmen der betriebsärztlichen Untersuchung bestätigt.

Wie unterstützen Sie den Arzt bei den Beratungen/Aufklärungen und bei der Durchführung der Impfung?

Caliskan: Wir stellen die Infomaterialien zusammen und betreuen spielerisch die Kinder, damit sich die Eltern ungestört auf das Arztgespräch konzentrieren können.

Im Rahmen der Durchführung werden die Impfstoffe durch uns aufgezogen und vorbereitet. Bei der Injektion wird assistiert. Parallel versuchen wir, die Kinder soweit es geht abzulenken. In den meisten Fällen klappt das ganz gut und die Kinder bekommen die Impfung gar nicht bewusst mit.

Anschließend wird die vorgenommene Impfung im Impfausweis dokumentiert und durch den Arzt, der die Impfung verabreicht hat, unterschrieben.

Das Gespräch führte Nuran Sahin.